octaNe mit einem Anfänger

Hehehehe.
Ich habe es getan. Ich habe das octaNe-System mit einer unwissenden, unbefleckten Spielerin ausprobiert. Diese Spielerin heißt Kerstin und ist meine Ehefrau. Sehr praktisch. Ich habe schon einige Systeme mit ihr getestet, einfach, weil sie mir ein klares, unverwässertes Feedback gibt, frei von Rollenspiel-Erfahrungen und Regelballast.

Ich spielte mit einigen Sechsseitern herum, als sie mich fragte: „Was probierst du aus?“
Meine Antwort: „Ach, nur ein paar Regeln fürs Rollenspiel.“
„Welche Regeln?“
„Soll ich sie dir schnell erklären?“
„Okay.“

Ich erklärte ihr die Regeln anhand eines kurzen Beispiels. Sie spielt einen Charakter (egal, welchen), der aus irgendeinem Grund über einen Abhang springen muss.
Ich sage zu Kerstin: „Jetzt nimmst du drei sechsseitige Würfel und schaust, dass du möglichst hohe Zahlen würfelst.“
Sie rollt zwei Sechsen und eine Vier – totale Erzählkontrolle, und zwei Plot Points (sie hatte den Skill „Ich kann sehr weit springen“ und einen Punkt in „Daring“).
Ich sage es ihr, und sie entgegnet überrascht: „Also, ich darf jetzt erzählen, was ich mache?“
Ich nicke.
Sie: „Das ist cool.“
Und erzählt, dass sie es über die Klippe schafft, dass sie aber kurz bevor sie ganz sicher gelandet ist, das Gleichgewicht verliert, nach hinten umkippt und sich gerade noch am Abhang festhalten kann.

Ich bin überrascht, positiv überrascht. So etwas – ein Spieler bringt seinen Charakter freiwillig, „ohne Not“, in Gefahr – habe ich bis jetzt nur bei zweien meiner Spieler erlebt, und die sind im Sinne von Robin Laws erfahrene Method Actors.
Ich frage Kerstin: „Warum hast du das jetzt gemacht? Ich meine, verstehe mich nicht falsch, ich finde es GEIL, aber warum hast du das jetzt gemacht?“
Ihre Antwort: „Wenn’s so einfach ginge, wär’s doch langweilig.“
Ich grinse.
Und werfe ihr den nächsten Konflikt entgegen: „Gut. Du merkst, wie dir die Kraft aus den Fingern weicht. Was tust du?“
Sie zieht sich hoch, setzt einen Plot Point ein, würfelt mit 4w6 und schafft als höchste Zahl die Vier. Das bedeutet, Kerstin darf erzählen, was passiert, aber ich darf ihr Schwierigkeiten machen.

Kerstin sagt: „Ich finde einen Riss im Fels und klemme meine Hand rein. Mit letzter Kraft ziehe ich mich hoch und liege auf dem Bauch, neben mir der Abgrund.“
Ich ergänze: „Du versuchst noch, zu Atem zu kommen, als du lautes Stampfen hörst, wie von tausend Hufen.“
„Was ist das? ich schaue hoch.“
„Es ist eine Herde wilder Stiere. Du hast sie wohl wütend gemacht.“
„Na super. Ich ziehe meinen Superschirm aus der Tasche.“
„Superschirm? Welchen Superschirm?“
„Meinen Go-Go-Gadget Superschirm mit dem Hubschrauber drin.“
„Aber du hast k…“ (ich schüttle alte Nein-Sager-Spielleiter-Gewohnheiten ab; Yes-Play ist das Motto des kreativen Rollenspiels!) „Gut. Du ziehst den Schirm aus deiner Tasche, öffnest ihn und…“

Kerstin rollt ihre 3w6 und schafft eine Vier als höchsten Würfel. Sie darf wieder erzählen, aber ich darf ihr dazwischenfunken.
Kerstin: „Er flattert und tuckert und dann hebe ich ab, ich hänge unten an ihm dran!“
„Du bist gut einen Meter vom Boden weg, als er plötzlich spotzt und stottert. D…“
„Ich schüttle ihn!“
„Mühsam hebt er dich weiter vom Boden weg. Zu spät siehst du, dass einer der Stiere ganz nah bei dir ist. Im Vorbeirennen nimmt er dich auf seine Hörner.“
„Ich ziehe meine Beine hoch!“
„Du entkommst ihm. Als du nach unten schaust, siehst du, dass er dir deine Ukulele (ein Ausrüstungsgegenstand) entrissen hat.“
_____
Hiermit wäre mal wieder bewiesen: Einfache Systeme (und hier auch und vor allem octaNe) schaffen es, auch komplette Neulinge sofort ins Spiel zu ziehen. Eine sehr gute Erfahrung.

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2 Antworten zu “octaNe mit einem Anfänger

  1. Norbert, schön, das das so funktioniert hat. Ich weiß mittlerweile aus Erfahrung, dass das mit meiner Frau nicht geht: Sie entscheidet gerne, was ihr Charakter versucht, möchte aber selbst nichts erzählen. Ich hab mir ihr auch schon drüber gesprochen. Sie meint, sie hätte keine Ideen und lässt sich in solchen Dingen lieber berieseln.Dom

  2. Hi Dom,ja, das kenne ich auch. Einer meiner Spieler ist so gestrickt. Ich kann ihn nur ködern, wenn ich ihm taktisch schwierige Aufgaben vorsetze, dann kann er seinen Lawschen Tactician ausleben — und erzählt dann sogar…Meine alten Spieler (die, mit denen ich DSA gezockt habe) dagegen sind fast durch die Bank passiv. Da würde ich mit octaNe ebenfalls untergehen.Norbert

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