Title Bout 2: Best Boxing Sim ever

Nach einer mächtigen Dreifach-Kombination, ungewöhnlich für einen Mann seines Gewichts, setzt er zu einer geradezu außerirdischen Rechten an und schickt seinen Gegner auf den Boden. Die Zuschauer sind elektrisiert, ein Aufschrei geht durch die Halle. Der Ringrichter beugt sich über den gefällten Lennox Lewis und beginnt mit dem Ten-Count. Bei Drei ist Lewis wieder halb auf den Beinen, ein heldenhaftes Aufbäumen
gegen den Knockout.

Bei der Fünfer-Marke schwindet seine Kraft und er liegt wieder auf dem Ringboden. Die Klitschko-Fans jubeln, doch zu früh. Mit schier unmenschlicher Willenskraft hievt sich der Brite wieder hoch und kommt beim Zähler von “Neun” wieder auf die Beine. Ringrichter Ray Corona blickt Lewis in die Augen und läßt den Kampf weiterlaufen. In der Menge brodelt es. Lewis wird am Ende Klitschko nach Punkten besiegen.

Zufrieden schalte ich meinen Computer aus. Title Bout 2 hat bewiesen, dass es zu Recht als beste Boxsimulation auf dem Markt gilt. Schon sein Vorgänger hatte von internationalen Kritikern diese ehrenvolle Auszeichnung erhalten. Boxkommentatoren und Sportjournalisten loben die Präzision des Spiels. Hier wird nicht mit Joystick oder Pad gespielt. Die Aktionen der Boxer wählt der Computer aus und richtet sich dabei nach dem Profil der Faustkämpfer.

Die Genauigkeit von Title Bout 2 ist nicht zufälligerweise so hoch. Title Bout ist die Computerversion des in Spielerkreisen berühmten Brett-Simulationsspiels gleichen Namens, das Mitte der Siebziger auf den Markt kam. Die damaligen Autoren von Title Bout, Jim und TomTrunzo, hatten sich vorgenommen, die genaueste und möglichst realitätsnächste Boxsimulation zu schreiben, die sie sich vorstellen konnten. Um sicherzugehen, dass die Boxer im Spiel möglichst naturgetreu abgebildet wurden, werteten sie über Jahre hinweg die offiziellen Kampfdaten (Sieg, Niederlage, Gleichstand,Schlaghäufigkeit, Trefferquote, Ausdauer, Kontererfolge, Cuts, und vieles mehr) aus, wandelten diese mit ausgeklügelten Formeln in Zahlen um, die man mit haushaltsüblichen Würfeln nachstellen konnte. Die Ergebnisse stellten den Boxsport so genau dar wie kein anderes Spiel es zuvor geschafft hatte. Dass die wohl renommierteste amerikanische Brettspielfirma Avalon Hill das Spiel verlegte, war ein weiterer Pluspunkt.

Title Bout ist leider seit 15 Jahren vom Markt verschwunden. Doch das Spiel hatte sich durch seine Präzision eine hingebungsvolle Fangemeinde erarbeitet, die neue Boxer auswertete, zusätzliche Regeln kreierte und sie in Umlauf brachte. Mitte der neunziger Jahre brachten die Trunzos eine Windows-Version heraus, die alte und neue Fans mit ihrer benötigten Dosis Title Bout versorgte. Mit der Verbreitung des Internets vereinfachte sich der Austausch dieser Spielergänzungen noch einmal. Und es kam, wie es kommen musste: In diversen Foren wurden die Stimmen der Fans immer lauter, die eine Fortentwicklung des mittlerweile angeschlagenen Spiels forderten. OOTP Developments, eine Softwareschmiede aus dem Norddeutschen, nahm sich des Themas und der Rechte an – und das Resultat ist Title Bout 2, die exakteste Boxsimulation, die momentan auf dem Markt zu finden ist. Der Leistungsumfang des Spiels ist schier unglaublich: Knappe 4.000 Boxsportler aller Gewichtsklassen stehen zur Auswahl, deren Daten ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. Statistische Auswertungen aller Couleur sind möglich, etwa die Beantwortung der Frage, welcher Fighter wieviele seiner Kämpfe vorzeitig beendet hat, und viele, viele mehr.

Fantasie-Begegnungen sind problemlos möglich. In unserem Wohnzimmer fand zum Beispiel gestern die Begegnung zwischen Nicolai Valuev, dem Riesen aus Russland (“The Beast from the East”), und der absoluten Boxlegende Jack Dempsey (“The Manassa Mauler”) statt. Zu meinem tiefsten Entsetzen landete Valuev bereits in der ersten Runde einen so schweren Glückstreffer, dass Dempsey einen Cut unter dem rechten Auge erlitt, den seine Ecke nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte. Dempseys Ringqualitäten waren deswegen relativ eingeschränkt, was Valuev, dessen sonstige Aktionen bestenfalls durchschnittlich waren, noch einmal einen lucky punch bescherten, der die Boxlegende bis zur Zehn auf die Bretter schickte. Was habe ich gebuht.

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