Method Acting: Missverständnis

Frank hat in seinem Blog einen Eintrag über die „Method Acting-Falle“ geschrieben. Dabei spricht er einiges Wahre an, versteht aber das Method Acting leider so, wie es viele Rollenspieler tun: nicht so, wie es eigentlich gedacht ist.
Meine Antwort habe ich ihm als Kommentar gepostet. Hier der Wortlaut.

Hi Frank!

Du sprichst viele Dinge an, die im allgemeinen Gebrauch als „Method Acting“ bezeichnet werden. Das Problem damit ist allerdings, dass der allgemeine Sprachgebrauch zu kurz greift. Vielleicht kann ich als erklärter Method Acting-Vertreter und -SL ein bisschen aushelfen.

Den Begriff „Method Acting“ hat Laws ja aus dem Schauspielfach. Schauen wir da mal nach, wie es definiert wird: „Method Acting ist eine Schauspieltechnik, mit deren Hilfe die Schauspieler versuchen, lebensechte emotionale Zustände darzustellen, unter deren Einfluß der Charakter handelt. Ziel ist es, eine lebensechte, realistische Darstellung zu geben“ (engl. wikipedia, Übersetzung meine).

Viele Leser (und leider auch viele Spieler, bei denen das Method Acting in die Hose geht) meinen nun, dass Method Acting das schauspielerische Äquivalent zum Autismus ist: Jeder Spieler wurschtelt alleine vor sich hin, völlig beschäftigt mit seiner Innenwelt, gleichzeitig aber den Anspruch erhebend, dass der Spielleiter ihn mit plottragenden Aufgaben bedenkt.

Doch das ist keine funktionelle Auffassung von Method Acting. Spieler, die so spielen (und SL, die so etwas zulassen), sind keine Method Actors, sondern Egomanen. Sie übersehen ein kleines, aber SEHR wichtiges Wort in der Definition: „Darstellung“ (Performance). Damit ist die Darstellung des Charakters auf der Bühne oder am Set gemeint. Das schließt automatisch, per Definition, das Vorhandensein eines Publikums mit ein. Das Publikum beim Schauspieler sind die Schauspielkollegen auf der Bühne/am Set, und die Menschen im Saal. Das Publikum beim Rollenspieler sind die Rollenspielkollegen am Tisch.

Also: Kein Method Acting ohne Publikum. Und damit sind wir einen Schritt weiter. Das Publikum stellt natürlich gewisse Ansprüche (Gruppenvertrag) an die Teilnehmer des (Schau)Spiels. Wer sich darüber hinwegsetzt, etwa indem er sich nur auf die Darstellung des eigenen Charakters und dessen Innenleben konzentriert, ohne auf den Gruppenvertrag zu achten, betreibt per Definition kein Method Acting, sondern irgendwas anderes.

Echtes Method Acting erfordert ein zeitweiliges Innehalten (ob nun explizit verkündet oder nicht) und die Frage an sich selbst: „Wo wollen wir gemeinsam hin?“. Geübte Method Actors verinnerlichen diesen Prozess derart, dass sie sich unterbewußt die Frage stellen — ihr Flow wird nicht unterbrochen. Ungeübte sollten einfach kurze Pausen einlegen, in denen der weitere Kurs in ganz groben Umrissen abgesteckt wird. Je öfter man das macht, desto leichter wird es, bis es schließlich von selbst läuft. Wie überall gilt auch hier: Do the drills, learn the skills.

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7 Antworten zu “Method Acting: Missverständnis

  1. Guter Einwand. Die Diskrepanz zwischen dem, was der Rollenspieler von der Strasse oder der Laws-Leser unter Method Acting verstehen, und wie diese Technik für Schauspieler eigentlich definiert war, ist mir schon aufgefallen.Kern der Technik scheint zu sein, daß der Schauspieler eigene Erinnerungen und Erlebtes oder intensive, geschulte Vorstellung benutzt, um die passenden Gefühle und Reaktionen täuschend echt auf die Bühne zu bringen. Dort steht tatsächlich nichts davon, daß es Ziel ist wirklich wie die Rolle zu denken und zu fühlen, sondern höchstens mit der Technik ihr sehr nah zu kommen. Leider betonen die von mir gefundenen Definitionen nicht, daß es trotzdem wichtig dabei bleibt immer sein Umfeld (Publikum und Storyverlauf) im Auge zu behalten. Und wie es üblich ist, was nicht offen heraus gesagt sondern nur impliziert wird, wird gerne übersehen.So ist die falsch angewandte Methode (komplett in die Rolle schlüpfen, alles ringsum vergessen, komplett aufs Innenleben konzentriert, wurschteln) recht häufig bei manchen Spielern anzutreffen.Kann es sein, daß echtes Method Acting nie die komplette Verschmelzung mit der Rolle vorsieht?Verständnisfrage:Beispiel: wenn der Method Actor auf der Bühne vor Wut tobt, tut er das nicht, weil er versucht wie die Rolle zu denken, sondern weil er sich an eigene, zur Situation ähnliche Erlebnisse erinnert und daraus seine Wut holt.Ist das in etwas Method Acting?

  2. Ein Problem bei Method Actorn ist, dass sie aus dem Theater kommen und einfach in das Filmformat passen, dass uns von Hollywood vorgelebt und von uns idR im Rollenspiel umgesetzt wird. Die Leute wollen eben keine tiefgreifende, realistisch-emotionale Darstellung mit dem Anspruch den sie stellt, sondern gewohnte und dadurch leicht greifbare Screenpresence.

  3. Hi Purzel,richtig, die komplette Verschmelzung sieht Method Acting nicht vor, aber es gibt sehr häufig Aussagen, dass die Schauspieler nahe dran sind.Deine Verständnisfrage kann so eindeutig nicht beantwortet werden; ob sich der Spieler seine Wut nun aus der Rolle oder aus der eigenen Erinnerung holt (beides ist, hirnphysiologisch gesehen, ohnehin gleich), liegt im eigenen Ermessen.@Sven:Stimmt so nicht ganz. Es gibt in den Reihen der Hollywood-Schauspieler einige, die „The Method“ anwenden, etwa Tom Hanks oder Harrison Ford.

  4. Gut, ich weiss/ahne jetzt grob, was ein Method Actor macht, um seinen Charakter getreulich darzustellen. Das ist nur der eine Teil der Technik.Wo gibt es eine kurze Beschreibung, wie ein M.A. Story und Publikum im Auge behalten soll? Nach welchen Kriterien entscheidet er seine Rolle für die Geschichte oder für die Zuschauer zu verbiegen?

  5. **nochmalHi Purzel!(kram, kram) Ich hab’s jetzt nicht greifbar, aber eine der echten Koryphäen auf dem Gebiet Method Acting ist Konstantin Stanislavsky. Gut zu lesen und gestopft voll mit Tipps zur Darstellung des Charakters ist etwa „Building a Character“ oder „Acting: A Handbook of the Stanislavski Method“. Die Kriterien sind meines Wissens nach nicht explizit angesprochen; der Method Actor erfaßt diesen Komplex intuitiv.

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