Everway — wie man‘ spielt

Boba ist vor einiger Zeit auf mich zugekommen und fragte mich, ob ich auf meinem Blog nicht mal zeigen könnte, wie man/wie wir Everway spielen. Gerne auch, wie man Everway spielt, aber in anderen Settings.

Das kommt mir sehr entgegen, denn: Obwohl wir seit langer Zeit Everway spielen, haben wir uns noch nie auf der mitgelieferten Hintergrundwelt aufgehalten.

Ich beschreibe im folgenden eine Szene, wie sie generischer nicht sein könnte:
Unser Held möchte unbemerkt in ein Haus eindringen. Alle Fenster sind vergittert, keine Kelleschächte oder andere Einladungen. Der beste Weg ist der direkte: durch die Haustür.

Spieler: Ich drehe langsam und vorsichtig den Türknauf. Vielleicht geht die Tür ja so auf.

SL (schüttelt den Kopf): Nein, die ist verschlossen.

Spieler: Scheiße. Gut, ich ziehe den Draht raus, den ich von zu Hause miteingepackt habe.

(Es sei anzumerken, dass der Spieler dem SL dieses Detail nicht vorher mitgeteilt hat. Die Charaktere haben dabei, was die Spieler haben wollen. Für uns gibt’s nichts Unspannenderes als die Feststellung, dass ein Spieler vergessen hat, seinen Charakter die passende Ausrüstung einpacken zu lassen. Laaaangweilig, und deshalb: Abseits!)

SL: Was machst du damit?

Spieler: Ich biege ihn so, dass ich ihn in das Schlüsselloch reinbringe.

SL: Hast du irgendwie Erfahrung mit solchen Dingen?

Spieler (braucht nicht auf seinem Charakterblatt nachzusehen): Ja, habe ich. Ich habe früher ganz oft frische Brotlaibe vom Dorfbäcker geklaut, wenn wir mal wieder nix zu essen hatten.

(Auch dieses Detail — die Erfahrung des Charakters mit einfachen Schlossknackereien — ist ein Charakterdetail, das der Spieler vorher nicht aufgeschrieben hat. Während des Spiels entscheidet der Spieler, wie sein Charakter genau aussieht, was er genau kann. Der Spieler und die anderen Mitspieler lernen so ihre Charaktere erst im Laufe des Abenteuers kennen — genau wie in einem Roman oder einem Film)

SL: Wie gut schätzt du dich denn ein?

Spieler: Also, einfache Schlösser habe ich immer aufgekriegt. (Nun schreibt er sich die neu entdeckte Fertigkeit auf seinen Charakterbogen)

SL (hat die „Schwierigkeit“ des Schlosses auf „anspruchsvoll“ gesetzt.
Nun geht er schnell die drei Everwayschen Gesetze durch: Das „Law of Drama“ besagt, dass etwas gelingen muss, wenn es die Geschichte vorantreibt. Für die Geschichte ist es in unserem Beispiel nicht wichtig, ob unser Held die Tür aufbekommt oder nicht.

Das „Law of Karma“ besagt, dass einem Charakter etwas gelingt, wenn seine Fertigkeit mindestens genauso hoch ist wie die Schwierigkeit. In unserem Beispiel kann unser Held „einfache Schlösser knacken“, aber das Türschloss ist „anspruchsvoll“. Ohne Glück wird es ihm nicht gelingen, die Tür zu öffnen. Und damit kommen wir zum dritten Gesetz:

Das „Law of Fortune“ bringt das Glück mit ins Spiel. Der SL zieht eine der 36 Fortune Cards. Er zieht „The Dragon“, mit der positiven Seite: „Cunning“ steht da, was soviel bedeutet wie „listig, durchtrieben“, aber auch „mutig“.


Es ist von Gruppe zu Gruppe verschieden, wie die Karten interpretiert werden. Manche SL legen sie offen aus, und die Gruppe berät gemeinsam über den Fortgang des Spiels. Andere SL (ich zum Beispiel) lieben es, wenn die Spieler wie im wirklichen Leben keinen Einblick in die Mechaniken haben und interpretieren die Karten aus Sicht des Spielers. Unser Beispiel-SL ist auch so einer.

Der SL betrachtet die Karte weiter. Der Drache steht vor einem roten Hintergrund, ganz klar: Feuer. Es ist also das Element Feuer im Spiel, und das steht für Aktivität, für Einsatz, für Bewegung. Drachen sind schlau, und wenn sie ihr Feuer vorteilhaft einsetzen, ist das sehr gut für unseren Helden. Der SL kommt zum Schluss: Unser Held kann das Schloss knacken.

SL: Du stocherst im Schloss rum, aber irgendwie… ist das alles… ganz…

Spieler: Was? Ganz anders als die Schlösser, die ich kenne?

SL (grinst): Jep.

Spieler: Na super. Ich taste mal das Innere des Schlosses mit dem Draht ab. Da muss es doch irgendwie reingehen, wo ich den Bolzen…

SL: Moment, da ist was! Du spürst, dass da was locker ist!

Spieler: Gut! Gut! Ich vergleich‘ das mal mit den Schlössern, die ich so kenne. Wenn sich das ähnlich anfühlt, drehe ich den Draht so (zeigt es mit den Händen).

SL (grinst): Ja, das fühlt sich schon ähnlich… Klick!

Spieler: Klick? Ha-ha! KLICK! Ich drehe am Türknauf!

SL: Leise öffnet sich die Tür vor dir.

Soweit zu meinem ersten Versuch, Everway zu erklären. Bei Fragen: einfach kommentieren.

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