Deutsche Old School-Abenteuer — alles Lüge

„A dungeon crawl is a type of role-playing adventure
in which heroes navigate a labyrinthine environment,
battling various monsters and looting any treasure they may find.

(Wikipedia)

Es ist schon erstaunlich, wie sich deutsche Rollenspieler überschlagen, wenn es um Dungeon Crawls und andere Old School-Leckereien geht. Da wird GORE gehypt, man orientiert seine Abenteuer nach OSRIC, macht Mazes and Minotaurs zum Haussystem, liebt Labyrinth Lord und das angebliche Original D&D ist, trotz völliger Unlesbarkeit, ohnehin die Nummer Eins.

Ulisses etwa versteigt sich zur Aussage: „Erinnern Sie sich an die guten alten Zeiten, als Abenteuer unter der Erde stattfanden, NSCs zum Töten da waren und das Finale eines jeden Verlieses der Drache mit Stufe 20 war?“, und zeichnet ein Bild der deutschen Rollenspiel-Old School, das falscher nicht sein könnte.

Die deutschen Rollenspieler entdecken ihre Liebe zum Altvaterspiel. Und zwar in seiner unverdorbensten Form: als Dungeon Crawl. Dergestalt wird Old School-Spiel zur Zeit in Deutschland angepriesen.

Bemerkenswert ist, dass diese neu entfachte Zuneigung, wie alle Modeerscheinungen, ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten hat, also mitnichten  eine wirklich krautige Befindlichkeit darstellt. Und genau diese Tatsache ist der Urgrund für ein derzeitiges deutsches Rollenspiel-Weltbild, das eifrig gepflegt wird, aber in dieser Form niemals existiert hat.

Old School-Abenteuer, so wie sie in Deutschland wahrgenommen — und natürlich verkauft — werden (als Dungeon Crawls), sind eine Lüge. Deutsches Rollenspiel war nie eine Kultur der Verlies-Erforschung.

Ich möchte diese Feststellung mit Beweisen untermauern. Dabei grenze ich den zu betrachtenden Zeitraum auf die Jahre von 1980 bis 1990 ein. Alles, was später veröffentlicht wurde, bezeichne ich nicht mehr als „Old School“. Werfen wir zunächst einen Blick auf das erste veröffentlichte deutsche Rollenspiel. Midgard erblickte das Licht der Welt im Jahre 1978, nachdem Autor Jürgen E. Franke Barkers „Tekumel“ gelesen hatte. 1981 wurde Midgard dann veröffentlicht.

Nicht mal ein Drittel aller veröffentlichten Abenteuer für Midgard sind Dungeon Crawls. Dabei habe ich auch Abenteuer, in denen kleine Dungeons enthalten sind, komplett als Höhlenabenteuer gewertet. Midgard, der deutsche Vater der Rollenspiele, ist also definitiv kein Vertreter der Dungeon Crawl-Schule.

Anders sieht es bei der deutschen Übersetzung von Tunnels&Trolls aus. „Schwerter&Dämonen„-Abenteuer sind allesamt Dungeon Crawls. Aber wenn man sich den beinahe nicht existenten kulturellen Einfluß des Spiels auf die deutsche Szene ansieht, ist T&T/S&D vernachlässigbar. Regeltechnisch war es stilbildend (under anderem für DSA), doch inhaltlich nicht.

Weiter zu DSA, das auch schon 1984 mit dem ersten Abenteuer herauskam. Midgard-ähnliche Verhältnisse finden sich auch hier. Zwar waren die ersten Veröffentlichungen des Schwarzen Auges durchweg verliesgeprägt, wichen aber dann recht zügig Explorationsabenteuern. Auch hier beträgt der Anteil der Dungeon Crawls keine 30 Prozent. Fehlanzeige also auch bei DSA.

Werfen wir noch einen Blick auf die deutschen Übersetzungen von D&D und AD&D; beide waren relativ zeitnah zu Midgard und DSA in Deutschland erhältlich. Wie sieht es hier mit Dungeon Crawls aus? Wie zu erwarten ist das Verhältnis von Verliesen zu anderen Abenteuerlokalitäten hier deutlich stärker, erreicht aber dennoch nur knappe 50 Prozent. Auch hier ist es folgerichtig ein Fehler, den Korpus der veröffentlichten Abenteuer als Dungeon Crawls zu bezeichnen.

Abschließend sei mir noch eine Bemerkung erlaubt. Wirklich Old School, also eigentlicher old schooliger als Old School, ist ohnehin Weselys Braunsstein, das erste Rollenspiel überhaupt. Und das ist alles andere als ein Dungeon Crawl.

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11 Antworten zu “Deutsche Old School-Abenteuer — alles Lüge

  1. Vielleicht werden sie so gehyped weil sie so gut waren? Oder so simpel? Ich habe ohnehin das Gefühl, dass manche Leute immer noch auf der Suche nach einer Spaßquelle sind und „je einfacher desto besser“ ne Art Modeerscheinung ist? Genau wie retro.

  2. Hi Jens,
    sie waren gut (ich bin grosser Fan von T&T), aber darum geht’s mir nicht. Es geht mir darum, dass zur Zeit Old School auf „Dungeon Crawl“ reduziert wird, und das ist, zumindest fuer DE, absolut falsch.

  3. Ein toller Beitrag, den ich zu 99% unterschreiben kann. Es ist absolut richtig, dass der Dungeon Crawl absolut keine teutonische Kiste ist, sondern gerade in den ersten amerikanischen Systemen vorkam. Definitiv richtig.

    Bis auf zwei Kleinigkeiten kann ich den kompletten text unterschreiben, möchte aber drei Dinge anmerken.

    1. Meine Erfahrung zeigt, dass in der deutschen Rollenspielszene absolut kein Dungeon-Revival stattfindet – ich habe bisher eine handvoll Leute (maximal 10) virtuell kennengelernt, die ein nettes kleines Verlieschen zu schätzen wissen. Man trifft auf unglaublich viel Ablehung und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Leute viele meiner Beiträge in Foren oder Blogs mit verschränkten Armen und einem verkniffenen (ist-derdoof“-Lächeln aufnehmen.

    2. Niemand sagt, dass Dungeon Crawls eine „deutsche Sache“ sind, da bin ich nie von ausgegangen. Mein eigener kompletter Rollenspielhintergrund ist auf der anderen Seite des großen Teiches angesiedelt, erst seit ziemlich genau einem Monat habe ich mich „in diedeutsche Szene gestürzt“.

    3. Den Text von Ulisses, den du zitierst ist die 1 zu 1-Übersetzung des Anfüttertextes zu jedem DUNGEON CRAWL CLASSICS Modul von Goodman Games, also weit weg davon das ganze in einen deutschen Kontext zu setzen.

    Aber sonst! Top! Ich habe deinen Beitrag gerne und interessiert gelesen.

  4. Hi Moritz, danke fuer deinen Kommentar, weiss ich sehr zu schaetzen. Danke auch fuer deine Anmerkung zu DCC, das wusste ich nicht! Uebrigens: Glueckwunsch zu deinem Bergkoenig!

  5. Du unterschlägst auch, dass hierzulande gerade in den 80er Jahren die Verwendung englischssprachiger Spiele und Abenteuer einen deutlich wichtigeren Anteil für die Stilbildung hatte als die deutschen Nischenprodukte.

    Allerdings kann auch ich mich nur an wenige Dungeons erinnern, bin aber auch erst Ende der 80er zum Rollenspiel gestoßen…

  6. @DCCs: Eben die Übersetzung des Originaltextes wollte ich auch anmerken – und man darf nicht vergessen, dass die DCCs ihren Werbetext selten allzu ernst nehmen. Meist sind das recht intelligente Dungeon Crawls mit einem Twist. Und man eben doch mit dem ein oder anderen NSC gesprochen werden sollte… Und wo Du die Behauptung her hast, dass irgendjemand glaubt, dass DCCs ein deutsches Phänomen sind? Ich wüßte nicht, wo das zu lesen ist.

  7. Harald,
    dass eben das Rollenspiel in Deutschland in den Achzigern von Leuten gespielt wurde, die hauptsaechlich englische Quellen benutzten, das ist etwas, das ich nicht glaube. Ich bin der Ueberzeugung, dass das Gros der deutschen SL und Spieler in den 80ern auf deutsche Quellen zurueckgriff oder sich selbst was bastelte. Warum ich das glaube? Weil es in den 80ern sehr schwer war, an englisches Material zu kommen. Das wurde erst besser ganz gegen Ende des Jahrzehnts.

    Schau dir zum Beispiel den deutschen Dinosaurier Midgard an. Franke hatte Zugriff zum Beispiel auf Tekumel, damit mit grosser Wahrscheinlichkeit auch auf D&D. Trotzdem sind und waren die Midgard-Abenteuer ganz anders gelagert.

    Greifenklaue:
    Ich habe nicht behauptet, dass Dungeon Crawls ein deutsches Phaenomen sind. Ich schrieb, dass die deustchen Rollenspieler ihre Liebe zum Altvaterspiel entdecken, das aber leider auf den Dungeon Crawl reduziert wird.

  8. Also mir zumindest geht es so. Früher, das dürfte auch so mittlerweile 15 Jahre her sein, hab ich mit HeroQuest und Soloabenteuerbüchern angefangen, danbn zu zweit „Rollenspiel“ gespielt, ein ständiger Lernprozeß, aber so richtig gedungeoncrawlt wurde nicht. Es lief immer mehr hin zu charakterorientierten, würfelarmen Spiel mit vielen Erzählelenten. Erst mit den DCCs ist bei mir ein richtige Sucht nach guten Dungeon Crawls und vor allem gut vgeleiteten Dungeon Crawls 😉 Und natürlich ist Old school nicht nur Dungeon Crawl. Z.B. gibt es viele, sehr coole Explorationsabenteuer, angefangen über den ersten Sternengarde-Teil oder die Orklandtrilogie. Raster füe Raster… 😉

  9. Ich möchte zudem mal behaupten, dass die „Retrowelle“ vor allem im Netz stattfindet. Wir haben gerade einen Con mit dem Motto stattfinden lassen, und die Teilnehmerzahl war weit unterdurchschnittlich.

  10. Karsten,
    das glaube ich auch. Ich kenne nur vier Leute in meinem Bekanntenkreis, die wieder angefangen haben, ihre Retro-Spiele abzustauben und zu spielen (DSA1 und BECMI-D&D). Im Netz sind’s da schon a bisserl mehr 😉

  11. @Cyberpunk: Die Erfahrung habe ich auch gemacht! Ich hatte auf einer Con zu Beginn des Jahres eine Runde „Festung im Grenzland“ angeboten. Glücklicherweise hatte ich mir direkt 5 Spieler mitgebracht, sonst hätte ich alleine da gesessen.

    Im übrigen bestreite ich ganz allgemein, dass auch im deutschen Netz ein Old-School-Hype exisitiert. Es gibt wirklich einige wenige, die sich dafür stark machen – wenn aus diesen Bemühungen Weniger herauds der Eindruck eines „Hypes“ entsteht, dann ist das umso bemerkenswerter…

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