Lena siegt — und Siegel spielt beleidigte Leberwurst

(etwas themenfremd, liegt mir aber am Herzen)

Nachdem Lena Meyer-Landrut im Eurovision Song Contest am Samstag mit einem frischen Song, süßem Auftreten und gewöhnungsbedürftiger Sprachfärbung einen erdrutschartigen Sieg für Deutschland eingefahren hat, meldet sich der Altmeister der drögen Unterhaltung zurück.

Nicht etwa, um zu gratulieren, nein, weit gefehlt. Ralph Siegel möchte sein Gebiet markieren, und das versuchte er gleich mal in der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung. So stellt er klar: Er sei noch immer der einzige Deutsche, der einen Sieg im Grand Prix errang, denn schließlich handle es sich um einen „Komponisten- und Texter-Wettbewerb“. Aha!

Aber es kommt noch schlimmer: Lenas „Satellite“ sei ein dänisch-amerikanischer Song, prangert der bald 65-Jährige an. Skandal! Und das in Zeiten der Globalisierung!

Das war zu Siegels guten Zeiten anders. Vor 28 Jahren schrieb der Schlagerkomponist den Trallalla-Song „Ein bisschen Frieden“, mit dem Sängerin Nicole den Grand Prix gewann. Dieses Lied war natürlich, geht es nach Herrn Siegel, um Längen besser als das neue, das uns am Samstag den Sieg beschert hat.

Siegel, auf dessen kompositorischem Lebenslauf sich solch illustre Knaller finden lassen wie „Der letzte Sirtaki“ (gesungen von Rex Gildo), „Hadschi Halef Omar“ (gesungen von Dschinghis Khan) und „Der Papa wird’s schon richten“ (gesungen von Peter Alexander) gesteht Lena zwar ein „herzerfrischendes Wesen“ zu, attestiert zugleich aber dem Song Contest, dass man heutzutage selbst mit einem „kleinen markanten, süßen Stimmchen“ die Welt erobern könne.

Das klingt für Herrn Siegel wahrscheinlich logisch, für die europäischen Fans der erst vor wenigen Monaten entdeckten Abiturientin aber eher nach dem lautstarken Schmollen einer beleidigten Leberwurst.

Und so geht jeder seiner Wege: Auf der einen Seite Siegel, der längst vergangenen Zeiten nachtrauert, in denen weißgekleidete Frauen sich ein bisschen Frieden wünschen, weil sie so viel Angst vor der Dunkelheit haben („Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln mein Lied, und hoffe, dass nichts geschieht“), und auf der anderen Seite das neue Erfolgsduo Raab-ARD mit einem erwiesenermaßen hitparadentauglichen Lovesong.

Doch allein, Ralph Siegels Kollege und Liedtexter Bernd Meinunger ahnte es vielleicht schon, als er vor fast drei Jahrzehnten Nicole folgende Strophen in den Mund legte: „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel, ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt“.

Wie wahr, wie wahr.

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