Erzählspiele? Gibt’s nicht!

Aus gegebenem Anlaß, und weil wieder mal im hoffnungslos verdorbenen Neu-DSA-Lager munter die Begriffe durcheinander geworfen werden:

„Wir spielen Erzählspiel“, höre und lese ich mehr als genug.
„Wir halten uns an den Plot des Spielleiters“, auch das wird munter in die Diskussion gestreut.
Aber hat denn irgendjemand wirklich Ahnung, welche Wörter er da hernimmt?

Ich habe den Eindruck: nein. Deshalb hier ein Klärungsversuch, den ich schon vor einiger Zeit ins Forum des Pundit gestellt habe. Erzählspiel kommt natürlich von „story game“.

Eine Story ist, laut literaturwissenschaftlicher Definition, die Erzählung einer chronologischen Sequenz von Ereignissen.

Plot ist die Erzählung der kausalen und logischen Strukturen, die die Ereignisse in Beziehung zueinander setzen.

Also:
„Die Fensterscheibe ist trübe.“ — Story oder Plot?
Weder, noch. Weil kein Ereignis stattfindet.

Wenn ich jetzt schrübe:
„Der König stirbt und dann stirbt die Königin.“ — dann ist das eine Story, weil zwei Ereignisse mehr oder minder chronologisch beschrieben werden.

Vergleicht das mal mit:
„Der König stirbt und dann stirbt die Königin vor Gram“ — das ist ein Plot, weil er erklärt, wieso die Königin stirbt.

Wenn wir diese beiden Definitionen anwenden, dann kann traditionelles Rollenspiel, so wie wir’s vom frühen D&D, frühen DSA, frühen Traveller und anderen Regelwerken gewohnt sind, niemals eine Story erzählen. Warum? Weil erst die Nacherzählung der Erlebnisse diese Erlebnisse zur Story macht. Ohne Erzähler keine Story.

Was bedeutet das fürs konkrete Spiel?
Erstens: Es gibt keine Erzählspiele, weil Erzählungen (Stories) erst durch Nacherzählung von Ereignissen entstehen. Stories entstehen nicht am Tisch!

Zweitens: Alles, auch völlig unzusammenhängende Erlebnisse, können im Nachhinein, in der Nacherzählung, zur Story werden. Deshalb ist es im Sinne der Old School egal, ob einzelne Spielabende in logischem Zusammenhang stehen oder nicht. Erst die Erzählung des Erlebten macht eine Geschichte draus.

Eine Antwort zu “Erzählspiele? Gibt’s nicht!

  1. Ach, ich weiß nicht. Das sind doch Spitzfindigkeiten. Das könnt ich dir auch umstülpen und mir so hin definieren, dass das Gegenteil rauskommt. Der Punkt ist doch, was wollen Leute damit aussagen, wenn sie von sich behaupten, Erzählspiel zu betreiben? Klar, jeder meint was anderes, irgendwie, aber eine Grundtendenz gibt’s schon. Ich hatte mal von „story-orientiertem Rollenspiel“ gesprochen, der Begriff ist einerseits passender aber andererseits weniger griffig.

    Aber du sagst ja gar nicht, worüber du meinst, dass sie zu reden denken. Ob es /das/ gibt oder nicht, wäre doch die interessante Frage. Du sagst ja nur, dass sie es so nicht nennen dürfen. Laaaangweilig!😉

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