Cyberpunk: Warum Hardwired für mich das echte 2020 ist

Seit vielen Jahren verwende ich das „Hardwired“-Quellenbuch zu Cyberpunk 2020 (2013). Ich benutze es nicht nur für Cyberpunk, sondern auch für Shadowrun (wenn auch dort nur für den Decking Netrunning-Teil).

Vor kurzem habe ich mir endlich für meinen Kindle den Roman von Walter Jon Williams gekauft (für den ich übrigens umumschränkte Empfehlung gebe, weil er mir noch besser gefällt als Gibsons Frühwerk, und ähnlich gut wie John Shirleys brilliantes „City come a-walkin'“). Williams hat zusammen mit Co-Autorin Pati Nagle auch das gleichnamige Quellenbuch geschrieben.

Die Welt von Hardwired gefällt mir weitaus besser als der Standard-Hintergrund von Cyberpunk 2020. Nicht nur, weil Williams eine realitätsnähere potentielle Zukunft beschreibt, sondern auch, weil er die 2020-Regeln wieder  vom Shopping wegführt. Für mich persönlich waren die Chromebooks nur eine arg kurzweilige Erfrischung; schon bald gingen sie mir gewaltig auf die Nerven, weil sie das Spiel in ein großes Einkaufserlebnis verwandelten. Weiter entfernt vom Thema des Cyberpunk konnte sich das offizielle Regelwerk nicht wegentwickeln. Auch Shadowrun mit seinen zwölfunddreißig Splatbooks machte keinen Unterschied.

Hardwired schlug im Gegensatz dazu einen Weg ein, der mir äußerst sympathisch ist: Im Quellenband findet sich eine Seite mit generischen Gegenständen und ihren Preisen in der Spielwelt. Die Währung ist Dollar (es gibt keinen Eurobuck), und sie ist extremen Schwankungen unterworfen. Die Hardwired-Regeln ermutigen den Spieler, die generischen Daten aufzuhübschen:

The rules below simplify everything to a few „generic“ varieties, but players should endeavour to supply the chrome these genera lack — what the rules call a „smart medium assault rifle“ firing „armor-piercing rounds“, the players should endeavour to think of as a „Styer AUM-34 with Heckler&Koch sliding breechblock, flash suppressor, folding stock, and underslung argon-yenon laser sight by Sony, firing 7.65mm caseless sabot ammunition“.

Aber das ist nur einer von ganz vielen Vorteilen, die Hardwired bietet.
Nächstes Mal mehr dazu.

16 Antworten zu “Cyberpunk: Warum Hardwired für mich das echte 2020 ist

  1. Moin!
    Ich habe Hardware (deutsche Ausgabe) erst vor kurzem das erste Mal gelesen und plötzlich machte vieles aus dem CP2020 Regelwerk überhaupt erst einen Sinn. So einiges im GRW ist ja eindeutig aus dem Neuromancer entlehnt. Andere Dinge sind aber völlig fremd, so zum Beispiel der Nomade als Rolle oder die gängige Akzeptanz von Drogenkonsum (in Neuromancer auch enthalten aber eher als negativ konnotiert.
    Das Hardwired Setting ist wirklich sehr nett, und hat ein sehr modernes Setting.

    Kann ich auch nur empfehlen!

    • Frank, mir ging’s genauso! Ich dachte mir auch immer, „woher haben die das denn mit den Drogen?“. Jetzt, nachdem ich — endlich! — auch den zweiten Meilenstein des Genres gelesen habe, verstehe ich warum.

  2. Hallo Norbert,

    ENDLICH mal jemand der es schnallt, dass „Cyberpunk“ KEIN Gadgetpunk ist. DANKE!
    Ich dachte schon, unsereins wäre ausschließlich umgeben von diesen grausamen „I-KNOW-THE-LISTS-BETTER-THAN-YOU“-Cybercrunchgeeks. Diese Damen und Herren können einem echt das Genre verleiden.
    „Hardwired“ gefällt mir persönlich ebenfalls besser als der Hype-Gibson. Ich empfehle immer gerne „When Gravity Fails“ und die Kovacs-Sachen „Altered Carbon“ etc., wenn ich Dir etwas empfehlen darf.

    Zur Verteidigung von Cyberpunk 20XX muss sagen, dass Mike P. mal zu einem Kumpel und mir sagte, die Chromebooks verkaufen sich am besten. Wie traurig …

    „Hardwired“ ist einfach Spitze… Kein unnötiges „Runner“/“Punk“-Gesabel oder diese traurigen Gadget-/Waffenendloslisten!

    Bestes
    Cowboy

    • Moin Jock,

      danke für den „Gravity“-Tip! Amazon hat mir interessanterweise auch diese Romane empfohlen, nachdem ich Hardwired gekauft hatte.

      Und was dein Gespräch mit Mike Pondsmith angeht: Oh wow. Das spricht Bände…

      Freut MICH, daß wir nicht alleine sind — danke Frank, danke Ingo!

  3. Dass sich Listen von X am Besten verkaufen hat ja schon Robins Laws festgestellt („Shopping für Männer“), insofern ist es kein Wunder, dass Rollenspielautoren sie schreiben…

    Das bewirkt mit Sicherheit eine gewisse Verzerrung von Genres in Rollenspielen hin zu Gadgets – egal welches Genre wir uns anschauen. Für DSA-Spieler: Regionalbände sind das Äquivalent von Gadgets in politischen Hintergründen: Listen von Fremdkreativität (was trotz des schrecklichen Namens nicht immer etwas schlechtes sein muss – es darf nur nicht in den Vordergrund des Spiels drängen, sondern sollte das Spiel unterstützen).

  4. Norbert, du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Und falls du die Buchtipps von Ingo noch nicht kennst – dann schließe ich mich seinen Empfehlungen vollständig an.

    • Klasse, Karsten! Ich muß gestehen, Effinger hatte ich seit Mitte der 90er auf meiner C-Punk-Leseliste stehen, aber immer rausgeschoben. Jetzt kommt dieser Tip plötzlich von vielen Seiten😉

      Ich freue mich auf jeden Fall, denn wir spielen diesen Sonntag… Hardwired!

    • Ich hab gerade auf Amazon ein bißchen reingelesen. Der Stil gefällt mir! Danke für den Tip, kommt sofort auf meine Kindle-Liste. Gestern abend habe ich mir übrigens dann gleich auch noch Effingers „When Gravity Fails“ auf meinen Reader geladen🙂

  5. Wo mir einfällt, dass der Karsten das ja auf dem Wintertreffen leitet…
    Norbert, beweg Dich mal richtung Tanelorn Treffen, dann können Du, Karsten und meine Wenigkeit das mal gemeinsam spielen…🙂

  6. Norbert: Da wir im Februar die komplette Burg gemietet haben, kannst Du Dich auch kurzfristig entscheiden.🙂
    Und das :T: Treffen ist kein typischer Con oder sowas, sondern eher mit Kumpels ein Berchen trinken, Grillparty, Sit-In mit viel Rollenspiel.

    • WENN ich komme, also FALLS, dann biete ich auch gerne einen kostenlosen zweistündigen Schnupperkurs realistische Selbstverteidigung an. Ich bin doch einer von insgesamt drei zertifizierten Senshido-Instructors in Deutschland. Dann hätten wir alles beisammen: quatschen, essen, trinken, feiern, spielen und was für den Körper.

      Was meinste?

  7. Grundsätzlich bin ich erstmal über jedes Angebot beim Treffen froh, das gemacht wird, insofern „thumbs up“!
    Ob ich (meine 3 Jahre Ju-Jutsu sind 25 Jahre her) da teilnehme hängt vom Terminkalender ab (Veranstalter und so) aber ich bin sicher, da kommen einige Interessenten zusammen.
    Ein kurzes Überfliegen über eine Senshido Erläuterung klingt schon mal sehr interessant, insbesondere bezüglich „Deeskalations- und Aufmerksamkeitsschulung“. Finde ich gut.

    • Na, dann lassen wir uns mal überraschen😉
      Wie gesagt, ich will noch nicht voll zusagen, weil meine derzeitige Berufssituation einfach keine Abmachungen zuläßt, die (verhältnismäßig) weit in der Zukunft liegen.

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