Cyberpunk, kein Shadowrun. Und andersrum.

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Ich weiß ja auch nicht.

Gestern leitete ich eine „recht erquickliche“ Runde Shadowrun, beziehungsweise eine krude Mischung aus Hardwired (meinem bevorzugten Cyberpunk-Setting) und Shadowrun 1e.

Das Ergebnis war… ganz in Ordnung. Ganz in Ordung, ja, aber nicht so großartig, wie ich das von früheren Sitzungen in Erinnerung hatte. Zeit, über das Warum nachzudenken.

Neue alte Spieler

Die Hälfte meiner gestrigen Spieler hat seit mehr als zwanzig, wenn nicht sogar 25, Jahren nicht mehr gespielt (wir hatten erst vor wenigen Wochen unser Wiedervereinigungs-DSA1-Spiel). Dementsprechend jung geblieben sind auch ihre Ansichten: Kill things and take their stuff. Was für einen Dungeoncrawl noch perfekten Spielspaß liefert (ein paar Mal), ist für ein Cyberpunkspiel nicht zu gebrauchen. Hier wird noch einige Gewöhnungsarbeit notwendig sein, bis die Charaktere endlich so viel Tiefe erreicht haben, daß die Spieler eine emotionale Verbindung zu ihnen spüren.

Shadowrun ist kein Cyberpunk

Elfen, Zwerge, Orks und Trolle, Menschen, Magie und noch viel mehr Tralala sorgen dafür, daß ich immer wieder an meine Grenzen stoße, wenn ich Shadowrun „cyberpunkiger“ machen will. Natürlich, dunkel, bedrohlich, drückend, der Gegensatz Mensch-Maschine, die Thematik der Hoffnung in einer Zukunft, die vielleicht keine mehr hat — all das ist Teil von Cyberpunk, und all das kann ich problemlos in Shadowrun einbauen.

Aber bei mir persönlich ist spätestens dann die Luft raus, wenn ich die miserablen Lebensumstände von Orkfamilien im Sprawl beschreiben will, nachdem ich Williams, Gibson oder Shirley gelesen habe. Ich versuche das seit vielen, vielen Jahren immer wieder mal, aber: Da beißt sich was. Der Fantasy-Anteil von Shadowrun macht das Spiel zwar zu einem ganz eigenen Genre, verhindert gleichzeitig aber auch, daß ich es so ernsthaft spielen kann, wie ich Cyberpunk spiele (oder spielen möchte, wenn mir danach ist). Shadowrun ist Bubblegum, quietschig, bunt und laut. Und das allen Bemühungen zum Trotz, Magie sinister und geheimnisvoll wirken zu lassen, und „Metamenschen“ Tiefe zu geben, obwohl sie nichts anderes als in eine harmlose Zukunftsfiktion verpflanzte Fantasy-Klischees sind.

Unsere Spielerlebnisse waren immer nur besserer Durchschnitt, sobald wir versuchten, Shadowrun und echten Cyberpunk unter ein Joch zu spannen. Wenn wir uns dann auf ein Genre einließen, war ein deutliches Qualitätssprung zu spüren.

Weil mir der Sinn entweder nach Old School-Fantasy oder Cyberpunk steht, wird Shadowrun wohl den Kürzeren ziehen.

9 Antworten zu “Cyberpunk, kein Shadowrun. Und andersrum.

  1. Ich sehe Shadowrun mittlerweile auch mehr als Urban Fantasy und nicht mehr dem Cyberpunk-Genre zugeordnet. Das Redesign der Matrix hat schon mal was gute gebracht mit der Augmented Reality, aber die Technomancer sind dann wieder zu viel. Ich steh total auf Shadowrun, kann ich nicht verleugnen, aber das ist eben kein CPunk mehr.

    Roger von http://www.teilzeithelden.de

  2. Roger, danke für deinen Kommentar. Daß SR ganz astreine Urban Fantasy ist, ist auch meine Ansicht, die ich immer wieder mal in Gesprächsrunden vertrete. Egal, wie viele Regeln nachträglich modifiziert oder neu geschrieben werden, sei’s für Kampf, Decking oder sonstwas: Solange es Metamenschen, mythische Monstren und konzernleitende Drachen gibt, wird sich nichts daran ändern, daß Shadowrun eben kein Cyberpunk, sondern Urban Fantasy ist.

    Danke!

  3. Shadowrun = urban Fantasy? Zustimmung…
    Shadowrun != Cyberpunk? Zustimmung… („Happy-Elfen-Punk“…😉
    Aber ich sehe die zweite Aussage ohne echten Zusammenhang zur ersten.

    Shadowrun ist nicht (nur) ‚kein Cyberpunk‘ weil es urban Fantasy ist.
    Das Shadowrun-Setting hat Probleme, Cyberpunkinhalte zu transportieren, weil das Setting in seiner Struktur das verhindert.

    1. Es ist konstruiert und so wirkt es auch.
    Das Setting wurde als Bühne aufgebaut, um zu erklären, warum da Leute für Konzerne gegen andere Konzerne agieren.
    Und das wird überall spürbar. Das erfordert eine hohe „Suspension of disbelief“.

    2. Es ist zu bunt und zu romantisch. („Das Leben ist bunt und granatenstark!“)
    Damit meine ich jetzt nicht „Magie und Elfen und Drachen“. Ich meine „Aztekenkonzerne“, „Critter“, und dergleichen.
    Dinge, die in der Realität keinen Platz haben. Und auch das spürt man.

    3. Es ist keine Weiterentwicklung der Realität mehr.
    Cyberpunk 2020 hat das große Glück, dass sich viele damals futuristische Aussagen bewahrheitet haben. Deswegen ist vieles noch aktuell. Shadowrun hält auch an seiner Zukunftsprognose (Geschichte) fest, aber die Geschichte der letzten 20 Jahre entfernt sich immer weiter davon. Auch dadurch wirkt es künstlich. Auch versuche, diese Brüche wieder zu kitten wirken künstlich.

    4. Die Charaktere in Shadowrun besitzen keinen „Punk“ und „Revoluzzer“ – Gedanken mehr, sondern sind hochspezialisierte freischaffende Kriminelle. Sie sind Profis und keine Punks.

    5. Es ist nicht düster und hoffnungslos.
    Shadowrun lebt von einer Aufwärtsspirale. Ewiges Aufrüsten, Werteverbesserung, Karmapunkte, etc. Die Charaktere werden immer besser, reicher, erfolgreicher. Shadowrunner fangen klein an, mausern sich zu Profis und steigen in die Oberliga auf.
    Cyberpunk lebt von einer gesunden Dystopie. Cyberpunk ist kein „es wird immer besser“.
    Ausserdem spielt im Shadowrunsetting die Weltsituation keine Rolle. Die Leute spielen „Kneipe, Auftrag, Beinarbeit, Abwicklung, Nachspiel“. Es ist kein Erleben der Welt sondern ein Abarbeiten von Missionen.

    • Boba, mein Gutster! Ich stimme dir in allen Punkten zu, aber in einigen ganz besonders lautstark:

      Punkt 4, Runner sind keine Punks: genau, genau, genau! Shadowrun fehlt jegliche Punkattitüde, vor allem in den späteren Editionen. Was in der Erstauflage noch rudimentär vorhanden war, wurde spätestens mit der Ernennung von Mike Mulvihill als Line Developer entfernt. Ich weiß noch, wie groß meine Unzufriedenheit war, als ich Mikes Vorwort zur neuen Auflage las, in der er verkündete, er und sein Team hätten sich bemüht, Shadowrun zu einem eher Manga-artigen Spiel zu machen. Blech.

      Punkt 5, Shadowrun ist nicht duster und hoffnungslos: Jawohl, du hast absolut recht! Shadowrun folgt hier, wie viele andere Rollenspiele halt auch, unbewußt einer protestantischen Arbeitsethik — arbeite viel und ernte die Früchte. Das ist aber halt völlig konträr zu echtem Cyberpunk, weil sich der einen Scheißdreck um irgendwas schert.

      Nur eine kleine Bemerkung noch: Shadowrun in meiner Gruppe war wirklich noch nie „Kneipe, Auftrag, Beinarbeit, Abwicklung, Nachspiel“. Ich lege als Spielleiter größten Wert darauf, daß meine Spieler Nebenplots für ihre Charaktere entwickeln und sich diese dann nach und nach zu Hauptplots entwickeln. Wir haben in all den Jahren (wir spielen seit dem Erscheinen von SR 1e) ganze zwei gekaufte Module gespielt — sonst wurde alles von den Spielern initiiert oder resultierte aus ihren Aktionen.

  4. Bevor ich es vergesse und weil es anders wirkt:
    Ich mag Shadowrun sehr gut leiden. Aber es ist definitiv kein Cyberpunk!

  5. „Shadowrun in meiner Gruppe war wirklich noch nie “Kneipe, Auftrag, Beinarbeit, Abwicklung, Nachspiel”.“
    Ja, das mag sein, aber das gesamte Setting ist doch darauf ausgelegt.
    Ich finde das Shadowrunning Konzept an sich eigentlich schon grenzdebil (erträglich nur, durch goße Schlucke aus der SoD-Buddel [suspension of disbelief])…
    Es gibt Szenekneipen in denen regelmäßig hochillegale zu Verbrechen angeworben werden und die Lonestars kümmert es einen Drek. Konzerne heuern Söldner für die Dreksarbeit an anstatt eigenes, loyales, gut ausgebildetes entsprechend ausgerüstetes Personal einzusetzen. Konzerne sind multinational, und damit in einem ähnlichen Status wie Syrien oder Russland und dann sind sie noch nett zu den verarmten und machtlosen Nationen?
    Das ganze Konzept ist konstruiert und darf in keiner Ebene hinterfragt werden. Und spielt man in diesem Konzept, muss man sich eben auf das Setting einlassen und dann sieht das darin gespielte eben aus wie Shadowrun, aber nicht wie ein Cyberpunk.

    Ich habe schonmal ein Euro Setting für ein Shadowrun im Tanelorn diskutieren lassen, das mir besser und (vor allem auch) cyberpunkiger erscheint. Bei Interesse mehr dazu.

  6. Ich spiele seit 93 sr.
    Habe also mit der 2er version angefangen und lese nun die 5er version. Ich habe einige Romane gelesen u.a. die drachenherzsaga.
    Ich kann eure Thesen nicht untersützen!
    Sr ist auch düster eben weil magie zurück kam und jetzt plötzlich uralte Mächte (wie blutmagie der azteken…) zurück kamen und die welt zus. Zu den techsprüngen aufmischen.
    Hach es gibt so viele punkte die ich aufführen könnte warum sr gritty dark und dystopisch sind.
    Von einer durchgeknallten metamenschenhassenden ki die einen ganzen arkoblog abschottet und eine technohölle erschafft ganz zu schweigen.
    Ich mag cp aber es benötigt endlich mal ein update!
    Es ist einfach nicht mehr glaubwürdig und ich muss viel rumbasteln dass es updatet ist.
    Das Argument dass cp glaubwürdiger ist als sr kann ich nicht nachvollziehen, beides hat viele elemente welche so nue eingetreten sind.
    Natürlich gibts keine orks….aber ich wusste schon 93 dass das nie eintreten wird.

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