Shadowrun-Grognard: Warum ich nur Old School kann (Wiederholung)

(Wiederholung eines fast sechs Jahre alten Artikels)

Ich bin ein Shadowrun-Grognard. Ich leite dieses wunderbare Spiel seit 1989, und ich liebe es immer noch. Mit einer Einschränkung: Meine Zuneigung gilt der Erstauflage. Die späteren Ausgaben können mir getrost gestohlen bleiben.

Drüben auf rpg.net hat vor ungefähr vier Monaten „COLWebbSFMC“ folgenden Eintrag geschrieben:

To me, „Pink Mohawk“ Shadowrun has very little to do with the violence level, and more to do with the ‚feel‘ of 80s cyberpunk as filtered through the Shadowrun 1st Edition backstory. If it looks at home in Bladerunner or an episode of Max Headroom, it’s Pink Mohawk. If your party has a Rocker, Tribesman or Shaman, it’s very likely Pink Mohawk. If the BGM played during the game is Information Society, Duran Duran, Pet Shop Boys, and other 80s Wave/Pop/SynthPop, it’s probably Pink Mohawk.

Let’s see, other things that scream Pink Mohawk at me… Body Banks… everyone in the party having some flavor of motorcycle… a campaign that can’t decide if it’s Film Noir with cyberarms or Bladerunner with elves… OH! Anything that involves jacking into a WIRED Matrix with a cyberdeck the size of a Commodore-64 strapped to you like a keytar.

It’s always raining. Maybe even acid rain. The streets in the DMZs are only patrolled by gangs, and the DMZs are basically the places Lone Star doesn’t get paid enough to go. High above these places in glass and chrome towers, the Corps go about their Machiavellian business either ignoring or blantantly using up the poor SINless below. For the wage slave, life is dull, but safe. For the power Corp, life is luxurious, but cutthroat. For the SINLess, life is short, ugly and brutal. A lot of places in the darker parts of Seattle look like Down Below on Babylon 5.

Dieser Mann spricht mir aus der Seele. „Pink Mohawk“ ist der Stil, der prägend war für die erste Ausgabe eines Spiels mit revolutionärem Hintergrund. Es war Ende der Achtziger, und ich kann mich gut an den Moment erinnern, als ich die Hardcover-Ausgabe des SR1-Regelbuchs in den Händen hielt. So was hatte ich noch nie zuvor gesehen: die Illustrationen, die Regeln, die Welt!

Zügig hatte sich dann, vor allem, nachdem Tom Dowd aus der Redaktion entfernt worden war, das Cyberpunk-Fantasy-Magie-Crossover in einen amerikanischen Manga verwandelt, ein Ziel, das der damalige Line Developer Mike Mulvihill ausdrücklich erwähnt hatte. Nichts mehr blieb übrig vom Pink Mohawk-Flair des Originals.

Betrachten wir Shadowrun 1 mal genauer, im Lichte des Pink Mohawk:

  • Achziger Jahre Cyberpunk im Stile von Bladerunner und Max Headroom? Check!
  • Rocker, Stammesmitglied, Schamane? Check!
  • Seht ihr den Decker links auf dem Cover? Eingestöpselt läuft man in der Matrix! Oder nackt, aber da übernimmt der Körper die Funktionen des Cyberdecks, was zu einem schnellen, schmerzhaften Tod führen kann.
  • Der gute Mann mit den Uzis hat FACEPAINT! Und zwar keine Tarnfarben, sondern Rot-Weiß, for fuck’s sake!
  • Die gut Betuchten oben in den bewachten Apartments, die Rebellen unten in den Schatten, im Regen, im Müll.
  • Die Frisuren! Die Frisuren!

DAS ist das, was mich vor mehr als 20 Jahren zu diesem Spiel hinzog; das ist deer Grund, warum wir jahrelang ausschließlich Shadowrun spielten (zwar bald nicht mehr mit den Regeln im Buch, sondern Freiform, aber die Faszination von SR war immer das Setting).

Und dann machten die Entwickler den Fehler, der Shadowrun für viele SR-Grognards unspielbar machte: Sie verwechselten Cyberpunk-Fantasy mit Science Fiction-Fantasy. Die 80er Jahre-Cyberpunk-Technologie mußte den Sci-Fi-Gadgets des 21 Jahrhunderts weichen. Eingestöpselt in der Matrix? Pah, jetzt gibt’s Wireless! Außerdem: Die Decking-Regeln waren sowieso viel zu fantasievoll und SO WEIT WEG von der Wirklichkeit, laß uns die neu machen! Und überhaupt: Decking? Nönö, das heißt, weil’s viel stylischer ist, jetzt wie in echt: Hacking (zu letzterem Punkt bekenne ich mich auch schuldig).

Diese Gier, dieses Bestreben, das Spiel der Realität immer um einige Jahrzehnte voraus sein zu lassen, ist letzten Endes auch dafür verantwortlich, daß es sich vom charmanten 80er Jahre-Cyberpunk zur technophilen Monstrosität verwandelt hat, die es heute ist.

Dabei glaube ich noch nicht mal, daß die Line Developer sich bewußt für diesen Weg entschieden; es kommt mir so vor, als hätten sie ihn einfach eingeschlagen, ohne sich großartig Gedanken zu machen. Mein Weg ist es nicht. Hätten die Verantwortlichen die andere Richtung eingeschlagen (nämlich die, Shadowrun im Pink Mohawk-Stil weiterzuentwickeln), würde ich heute noch jedes Buch kaufen.

Im Gegensatz zu Cyberpunk v3, das ich persönlich für sehr gut halte (ja, auch die Fotos) löst Shadowrun 4, das ebenfalls 2005 rauskam, bei mir nur eines aus: heftiges Kopfschütteln, gepaart mit Unwillen.

Eine Antwort zu “Shadowrun-Grognard: Warum ich nur Old School kann (Wiederholung)

  1. Tja, also, die 2. Edition war auch noch in Ordnung… Aber 5e habe ich dann letztes/vorletztes(?) Jahr geleitet und da war so vieles so völlig anders. Plus, die Regeln waren einfach nur komplizierter, nicht verbessert. Nee, Danke.

    Wobei ich viele Ideen, wie die MoT (Matrix of Things), durchaus cool fand. Aber es ergab irgendwie kein kohärentes Gesamtbild.

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